IG-Metall-Umfrage zur Arbeitszeit

Die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen

Fast auf den Tag genau 30 Jahre ist es her, dass die IG Metall in einem Arbeitskampf die 35-Stunden-Woche für die westdeutsche Metall- und Elektroindustrie durchgesetzt hat. Diese Verkürzung der regelmäßigen Wochenarbeitszeit war ein Erfolg. Sie hat mehrere hunderttausend Stellen gesichert.
IG-Metall-Umfrage zur Arbeitszeit

Wie wird die 35-Stunden-Woche heute in den Betrieben umgesetzt? Das war eine der Fragen, die die IG Metall im vergangenen Jahr in einer großen Beschäftigtenbefragung gestellt hat. Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich daran beteiligt.

Diskrepanz zwischen vereinbarter und tatsächlicher Arbeitszeit

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten hat eine tarifvertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit von 35 Stunden; für 40 Prozent ist sie länger. Auffällig ist die Diskrepanz zwischen den vereinbarten, den tatsächlichen und den gewünschten Arbeitszeiten: Ein Drittel der Befragten arbeitet 35 Stunden in der Woche, fast alle anderen arbeiten länger. Viele Beschäftigte wünschen sich, kürzer zu arbeiten als vertraglich vereinbart oder vom Arbeitgeber gefordert. Eine der Ursachen für das Auseinanderlaufen der vereinbarten und der tatsächlichen Arbeitszeiten liegt in der zunehmenden Entgrenzung der Arbeit. Laptops und Smartphones machen es möglich, dass Beschäftigte praktisch sieben Tage die Woche rund um die Uhr erreichbar sind. Jede beziehungsweise jeder achte Beschäftigte sieht sich damit konfrontiert. Eine etwas überraschende Erkenntnis: Die Beschäftigten sind nicht generell gegen Flexibilisierung. Sie wollen allerdings Gegenleistungen: verbindliche Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung (93 Prozent), Ausgleich durch Entgeltzuschläge (88 Prozent) und ausreichend lange Ankündigungsfristen (88 Prozent). Fast alle sagen: Flexibilität darf keine Einbahnstraße zugunsten der Unternehmen sein. Es muss im Gegenzug eben auch möglich sein, kurzfristig Freizeit nehmen zu können, wenn man selbst das möchte. In vielen Unternehmen wird (zusätzliche) Arbeit geleistet, ohne dass sie vergolten wird. Arbeitszeitkonten werden gekappt, in vielen Betrieben wird Arbeitszeit erst gar nicht erfasst, zum Beispiel im Rahmen der sogenannten Vertrauensarbeitszeit. Unser Ziel muss sein, dass Arbeitszeit vollständig erfasst und vergütet wird. 

Weichen stellen für eine gute Arbeitszeitpolitik

Wir diskutieren in den kommenden Monaten weiter darüber, wie sich diese Wünsche der Beschäftigten in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen umsetzen lassen. Dabei geht es erst einmal darum, Themen einzugrenzen, nicht auszugrenzen. Wir müssen miteinander herausfinden: Welche Baustellen können kurzfristig angegangen werden? Welche sind nur mittelfristig lösbar? Und für welche ist ein ganz langer Atem nötig? Diese Fragen erörtern wir jetzt in den Tarifkommissionen, auf regionalen Veranstaltungen und einer bundesweiten Betriebsrätekonferenz am 20. Mai 2014 in Frankfurt am Main. Die IG Metall stellt sich einer Grundsatzdebatte darüber, wie sie ihre Arbeitszeitpolitik gestalten will. Auf dem Debattenzettel stehen die zentralen 

Themen:

Arbeitszeitflexibilisierung, Lang- und Kurzfristkonten sowie Arbeitszeitverkürzung.Mit dieser breiten Diskussion bleiben wir auch weiter mit denen im Gespräch, die sich an der Beschäftigtenbefragung beteiligt haben. Immerhin rund ein Drittel der Teilnehmenden war (noch) nicht Mitglied der IG Metall. Wir laden sie zum Dialog ein, sodass im Zuge der weiteren Diskussion neue Mitglieder zu uns kommen können und wir noch stärker werden, um die gemeinsam erarbeiteten Ziele auch durchzusetzen.

Knut Giesler // In: nds 5-2015