Geschlechterstereotype waren gestern

Neue Entgeltordnung für den Sozial- und Erziehungsdienst

Der Sozial- und Erziehungsdienst ist ein von Frauen dominiertes Berufsfeld im Kitabereich liegt ihr Anteil bei 96 Prozent. Bezahlt werden sie nach einer Entgeltordnung, die in weiten Teilen auf Arbeitsrealitäten und Rollenbildern der 1970er Jahre basiert. Höchste Zeit für eine Entgeltordnung, die die modernen Aufgaben und Anforderungen im Sozial- und Erziehungsdienst widerspiegelt und die Einkommenshöhe festlegt. Höchste Zeit für gutes Geld für gute Arbeit für Frauen wie für Männer.
Geschlechterstereotype waren gestern

Foto: Andrey Bandurenko/fotolia.de

Geschlechterstereotype waren gestern

Am 25. Februar 2015 starteten die Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern zur Entgeltordnung (EGO) im Sozial- und Erziehungsdienst (SuE). Die EGO legt auf Grundlage der Aufgaben der Beschäftigten deren Eingruppierung in eine bestimmte Entgeltgruppe (EG) fest und entscheidet so, welche Arbeit in Kita oder Sozialarbeit wie bezahlt wird. Die derzeitige Entgeltordnung beruht auf den Arbeitsbewertungen und -beschreibungen der 1970er Jahre. Den pädagogischen Entwicklungen hinkt sie seit Langem hinterher. Neue Arbeitsformen in der frühkindlichen Bildung und in der Inklusion verändern berufliche Tätigkeiten und stellen neue Anforderungen an Qualifikationen. Diese Tätigkeiten müssen in der EGO SuE abgebildet und bezahlt werden.  Die Erwartungen der größtenteils weiblichen Beschäftigten an eine Verbesserung der Eingruppierung sind entsprechend groß.

Auf eigenen Beinen stehen
Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen hängt eng mit ihrer gleichberechtigten Teilhabe am Erwerbsleben und mit der Bezahlung zusammen. Geschlechtergerechte Entgeltpraxis und faire (Arbeits-)Bedingungen oder „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ lauten die gewerkschaftlichen Forderungen. Die Höhe des individuell erzielten Einkommens entscheidet darüber, ob Frauen aus eigener Kraft ihre Existenz sichern können unabhängig von der Haushaltskonstellation, in der sie leben. Existenzsicherung ist dabei mehr, als den unmittelbaren Bedarf zu decken. Zur langfristigen Existenzsicherung gehört auch, in einer Familienphase von vollzeitnaher Teilzeit leben zu können und über die Sozialversicherungssysteme Ansprüche zu erwerben, um auch in Phasen ohne eigene Erwerbstätigkeit wirtschaftlich unabhängig zu sein.Die Erwerbskonstellationen von Frauen und Männern in Partnerschaften ändern sich, weg von der (in Westdeutschland) traditionellen Ernährer- und Zuverdienstehe hin zu einem Modell, bei dem grundsätzlich beide ihren eigenen Beitrag zur Existenzsicherung leisten. Das Einkommen von Frauen ist heute längst unverzichtbarer Bestandteil für Familien geworden. Frauen sind Familienernährerinnen (circa 23 Prozent), Mitverdienerinnen (circa 52 Prozent) und Gleichverdienerinnen (circa 25 Prozent). Als Familienernährerinnen gelten Frauen, die in Mehrpersonenhaushalten mindestens zwei Drittel des Haushaltseinkommens erwirtschaften und damit die finanzielle Verantwortung für sich und mindestens ein weiteres Haushaltsmitglied übernehmen ob alleinerziehend oder mit Partner, als Akademikerin oder auf der Grundlage einer Berufsausbildung. Frauen übernehmen Verantwortung trotz geringer Gehälter in frauendominierten Berufen und Branchen, trotz der häufigen und oft unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung und der großen Entgeltlücken. Familienernährerinnen sind überwiegend in frauentypischen Berufszweigen beispielsweise im Gesundheits- und Sozialwesen, in Erziehung und Unterricht sowie im Einzelhandel beschäftigt. Viele Berufe und Branchen mit einem hohen Frauenanteil wurden jedoch für Zuverdienerinnen konzipiert. Die Tarifrunde EGO SuE muss also auch einen Beitrag dazu leisten, dass sich das Einkommen von weiblichen Hauptverdienerinnen dem ihrer männlichen Kollegen annähert.

Mit alten Rollenbildern brechen
Die Berufswahl ist die zentrale Weichenstellung, mit der junge Frauen auf dem Arbeitsmarkt ihre Position und damit ihre Möglichkeiten zur eigenständigen Existenzsicherung nachhaltig beeinflussen. Dabei geht es um Einkommen, Aufstiegs- und die Anschlussqualifikationen und um Arbeitszeiten, die es ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren und auch eigenen Interessen nachzugehen. Branchenabhängig unterscheidet sich die Bezahlung gravierend, obwohl die Voraussetzungen, zum Beispiel eine qualifizierte Berufsausbildung oder ein einschlägiges Studium, oft gleich sind. Doch Berufsfelder, in denen es um die Verantwortung für Menschen geht wie in Erziehung, Gesundheit oder Bildung werden weniger wertgeschätzt als Verantwortung für Technik oder Geld. Auch dieses Ungleichgewicht resultiert aus Geschlechterstereotypen von gestern. In der neuen Entgeltordnung für den Sozial- und Erziehungsdienst geht es um die Anerkennung der Leistung, der Fachkenntnisse, der Berufserfahrung und des Könnens, die Frauen und auch Männer in diesem Berufsfeld einsetzen. Die gestiegenen Anforderungen an die Beschäftigten in Kitas, Schulen, Jugendämtern oder soialpädagogischen Einrichtungen spiegeln sich in den Einkommen nicht wider. Erzieher oder Sozialarbeiterinnen leisten aber gesellschaftlich wichtige Arbeit und das mit hoher Kompetenz, hohem Einsatz und großer Verantwortung. Die GEW fordert deshalb eine deutliche Aufwertung des Berufsfeldes durch eine bessere Bezahlung und eine adäquate Eingruppierung.

Aktiv werden
Die Ursachen der Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern sind inzwischen vielfältig wissenschaftlich erforscht. Nur bleiben die Erkenntnisse noch zu oft ohne Wirkung. Wo Tarifverträge gelten und Betriebs- oder Personalräte mitbestimmen, schrumpft die Entgeltlücke. Die Herausforderungen der mittelbaren Entgeltdiskriminierung sind nach wie vor groß und liegen unter anderem in der unterschiedlichen Bewertung von Tätigkeiten. In der Tarifrunde zur EGO SuE geht es also darum, hierfür ein diskriminierungsfreies Regelwerk zu schaffen. Die GEW will in den Tarifverhandlungen erreichen, dass die Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst aufgewertet und die Bezahlung insgesamt angehoben werden. Gute Bildung und Erziehung gibt es, weil die Beschäftigten gute Arbeit leisten. Noch liegen die Gehälter von Erzieher*innen in Deutschland unter dem Durchschnittseinkommen. Arbeitgeber in Kommunen, bei Wohlfahrtsverbänden und freien Trägern müssen diese qualifizierte und gesellschaftlich so wichtige Arbeit endlich angemessen bezahlen. Wer Leitungsfunktionen übernimmt, muss auch dafür bezahlt werden und nicht wie bisher ausschließlich nach der Zahl der regelmäßig belegbaren Kitaplätze. Leitungsaufgaben erfordern große Sachkompetenz und Verantwortung und sind mit Personalverantwortung verbunden. Bei der Bewertung dieser Tätigkeit müssen daher neben der Anzahl der Kita-plätze auch die Anzahl der Mitarbeiter*innen berücksichtigt werden.
Wer von einer Jugendhilfeeinrichtung zu einer anderen wechseln will, wird zurzeit bestraft und nicht gefördert. Neue Arbeitgeber erkennen die zuvor erworbene Berufserfahrung bei der Eingruppierung nicht ausreichend an. Das kann zu deutlichen Gehaltseinbußen führen und muss dringend neu geregelt werden. Das sozialpädagogische Berufsfeld hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt, eine Überarbeitung der Tätigkeitsmerkmale ist überfällig. Neue Berufe, neue berufliche Qualifikationen wie der Bachelor of Arts in Kindheitspädagogik, neue Berufsbilder und Arbeitsbereiche von der Fachberatung bis zur Schulsozialarbeit sind in der Entgeltordnung abzubilden und sie sind angemessen zu bezahlen.

Frauke Gützkow // In: nds 3-2015