Moderne Bildung ohne sozialpädagogisches Gerüst?

Schulsozialarbeit: Lern- und Lebenswelten zusammenführen

Schulsozialarbeit ist eine notwendige Konsequenz auf dem Weg zu einer lebensweltorientierten Schule. Um sie zu verwirklichen, muss eine strukturelle Verankerung sozialpädagogischer Schulbegleitung mitgedacht werden. Eine Schulreform ohne Beteiligung der Jugendhilfe und ohne systematische Integration der Sozialarbeit kann nicht gelingen.
Moderne Bildung ohne sozialpädagogisches Gerüst?

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Finanzierung, Trägerschaft, Ressourcen, gute Arbeitsplatzsituationen, all das sind wesentliche Bedingungen für gelingende Schulsozialarbeit. Doch mindestens genauso wichtig ist es, die Notwendigkeit eines an moderner Bildung orientierten Beitrags der Jugendhilfe zur Schulentwicklung zu erkennen. Die Lern- und Lebenswelten von Schüler*innen müssen zusammengeführt werden. Schulsozialarbeit ist vor dem Hintergrund einer veränderten Lernbereitschaft und des Sozialverhaltens ganzer Schülergenerationen nicht nur zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs notwendig, es muss eine institutionalisierte Abstimmung der Lern- und Lebenswelten erfolgen.

Bildungspolitischer Diskurs ohne Jugendhilfe

Schulsozialarbeit als Handlungsfeld der Jugendhilfe hat in den letzten 20 Jahren einen unübersehbaren theoretischen und professionellen Progress vollzogen. Aber ebenso gilt, dass die bisher erreichten länderspezifischen Niveaus große Unterschiede in ihrer Entwicklung zeigen: Sie verweisen auf den unzureichenden Zusammenhang zwischen Schule und Jugendhilfe in bildungspolitischer und schulrechtlicher Hinsicht. Vermutlich ist es die immer wieder zu beobachtende Ignoranz gegenüber der Kompetenz der modernen Jugendhilfe, wie sie schon in der Denkschrift „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ (Bildungskommission NRW 1995) zum Ausdruck kam. Trotz weitreichender Vorschläge hinsichtlich des schulischen Umbaus war von einer notwendigen Beteiligung der Jugendhilfe keine Rede. Diese fachliche Geringschätzung belegt auch die standortübergreifende Pilotstudie der Sozial- und Erziehungswissenschaftler*innen Angelika Iser, Nicole Kastirke und Gero Lipsmeier, die Bund, Länder und Kommunen betreffend, auf politisch zu verantwortende, eklatante Koordinationsdefizite und auf fehlende rechtliche Verankerungen der Schulsozialarbeit in Schulgesetzen hinweist.

Neues Bildungsverständnis und moderne Jugendhilfe

Verändert hat sich die sektorale Begrenztheit pädagogischer Arbeit erst nach der Jahrtausendwende. Spätestens mit den Leipziger Thesen unter dem Titel „Bildung ist mehr als Schule“ (Bundesjugendkuratorium 2001) und seit Erscheinen des 12. Kinder- und Jugendberichtes in 2005 ist nicht wegzudiskutieren, dass sich die Jugendhilfe in einem Diskurs um ein neues Bildungsverständnis befindet. So verdeutlicht die weit auseinandergehende Schere zwischen Qualifikations- und Integrationsfunktion das Dilemma heutiger Schulwirklichkeit: Einerseits ist Schule heute aufgrund der vehement an sie herangetragenen Qualifikationserwartungen verstärkt aufgerufen zu selektieren, um Bildungspotenziale rekrutieren zu können. Andererseits kann sie für ihre selbst produzierten Problemfälle angesichts verstärkter Ausschließungstendenzen keine allgemeingültige Integrationsinstanz mehr sein. Schulsozialarbeit wird vor diesem Hintergrund zum Übertragungswerkzeug zwischen formellem, nonformellem und informellem Lernen. Sie ist, nach der Familie, das Verbindungsglied der bedeutenden Erziehungsfelder Jugendhilfe und Schule. 

Mehr als nur ein Pausenclown sein

Der quantitative Ausbau und die konzeptionelle Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit infolge des PISA-Schocks verlangten besonders von den Berufsrollenträgern der Schulsozialarbeit eine Erhöhung ihrer Handlungskompetenz. Neben den schulbezogenen Erwartungen orientierte sich das Professionalisierungsgeschehen in der Schulsozialarbeit zunehmend auf den Zusammenhang von Handlungswissen, dem wissenschaftlichen sowie dem organisationsbezogenen Wissen. Sozialraumbezüge und die Diskussion um die Einrichtung von Bildungslandschaften erweiterten die Erwartungen an das Profil einer modernen Schulsozialarbeit. Vor diesem Hintergrund gestaltete sich der Status der Schulsozialarbeit jedoch höchst ambivalent: Er ist einerseits gekennzeichnet durch eine hohe Professionalität, andererseits befindet sich die schulbezogene Sozialarbeit vor Herausforderungen, die über ihr traditionelles Leistungsspektrum wie Einzelfallhilfe, Gruppen- und Projektarbeit hinausgehen. Diese Herausforderungen stehen in engem Zusammenhang mit den Entwicklungen im Schul- und Bildungssystem, die sich stichwortartig mit Eigenverantwortlichkeit und Teilkommunalisierung der Schule benennen lassen. Bei den schulsozialarbeiterischen Leistungen handelt es sich der Tendenz nach um eine nahezu optimale Zusammenschau, die unter anderem allerdings häufigen Kooperationsstörungen unterliegt, nicht bundesgesetzlich und finanziell abgesichert ist, sich aber zugleich neuen Herausforderungen stellen muss. Doch welche zusätzlichen Aufgaben kann das Handlungsfeld Schulsozialarbeit insgesamt noch vertragen? Denn bemerkenswert ist ja immerhin der weiterhin ungesicherte Status zahlreicher Schulsozialarbeiter*innen. Kaum nachvollziehbar wird die prekäre Achterbahnfahrt aber erst, wenn die zahlreichen bildungspolitischen Ziele – nämlich die Diskussion um die vermehrte Einführung von Ganztagsschulen, die Implementation inklusiven Unterrichts wie auch die Schaffung von Bildungslandschaften, auf die Ebene der betroffenen Praxisfelder (Schulen) heruntergebrochen werden. In diesem Spagat zwischen Bildungs- und Fiskalpolitik befindet sich die Schulsozialarbeit derzeit.

Schulsozialarbeit muss über Landesgrenzen vernetzt sein

Forschungsergebnisse und Qualitätsstandards trugen zur Profilschärfe der Schulsozialarbeit ebenso bei wie die fachpolitische Orientierung, die sich mit der Etablierung von Landesarbeitsgemeinschaften als ernstzunehmender Gesprächspartner für politische Interessenvertretungen anbietet. 2009 wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit gegründet, die erwarten lässt, dass sich die fachgebundenen Professionalisierungs-strategien mit den berufspolitischen Vertretungsoptionen hinsichtlich der Standardverbesserung der Berufsrollenträger ergeben mögen. Die Strategie eines bundesverbandlichen Kooperationshandelns ergibt sich daraus, dass die Vernetzung landes-spezifischer Unternehmungen essenziell ist, um bildungspolitische Reformvorhaben auch bundesweit mitgestalten zu können. Der Kooperationsverbund Schulsozialarbeit, ein Zusammenschluss von Vertreter*innen bundeszentraler Verbände und einzelpersönlichkeiten, setzt sich seit den 1990er Jahren für eine fachliche Koordination der schulbezogenen Sozialarbeit ein: Mit Publikationen und Tagungen trägt er zum fachlichen Dialog, zur Vernetzung und Konsolidierung der noch oft unkoordiniert verlaufenden Aktivitäten auf Bundesebene bei. Zum Jahresbeginn wurden die „Leitlinien für Schulsozialarbeit“ vorgelegt, die das Verständnis professioneller Schulsozialarbeit verdeutlichen. Neben dem Kooperationsverbund ist die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unverzichtbare Partnerin im Rahmen der politischen Lobbyarbeit. Beide Organisationen fühlen sich verpflichtet, die Vernetzungen auf Bundesebene voranzutreiben. Das Aufgabenspektrum der Schulsozial-arbeit zu profilieren, planmäßige steuerungs- und netzwerkorientierte Prozesse über die Kernaufgaben hinaus wahrzunehmen bedeutet, ihren Auftrag schulformgemäß präzisieren zu müssen. Professionelle Schulsozialarbeit muss die offiziellen Bildungsversprechen kritisch begleiten, um im berufsfeldbezogenen Solidarhandeln gemeinsam mit den landes- und bundesweiten Interessenverbänden den bildungspolitischen Ansprüchen gewachsen zu sein. In diesem Kontext gilt es, Schulsozialarbeit politisch und offensiv zu vertreten.

Erich Hollenstein, Frank Nieslony // In: nds 4-2015