Kinderarmut im Schulalltag

Es fehlt an Offenheit und einer Willkommenskultur

Barbara Laakmann ist seit 40 Jahren Lehrerin an verschiedenen Hauptschulen in Duisburg. Seit 20 Jahren ist sie Schulleiterin und seit 30 Jahren vertritt sie die Interessen der Beschäftigten in Personalräten. Ihre Hauptschule ist in 2013 ausgelaufen.
Kinderarmut im Schulalltag

Foto: jjnef/istock.de

Wie hat sich Armut von Kindern in deiner Praxis als Lehrerin und als Schulleiterin an Hauptschulen in Duisburg gezeigt?
Barbara Laakmann: Kinderarmut hat sich in meiner langjährigen Erfahrung sehr vielfältig geäußert: zum Beispiel durch einen schlechten Gesundheitszustand, wenn Kinder keine Brille besitzen, obwohl sie eine benötigen, oder ihre Zähne nicht in Ordnung sind. Einige Kinder sind sehr oft ohne Frühstück in die Schule gekommen. Und Taschentücher hatten die wenigsten dabei, obwohl sie diese dringend gebraucht hätten. Große Probleme gab es bei Geldsammlungen, bei anderen Gelegenheiten zeigte sich offensichtlich die geringe Erfahrung im Umgang mit Geld. So wurden oft Chips und Getränke am Kiosk zum Frühstück gekauft, das ist nicht nur teuer, sondern auch keine gute Grundlage für das Lernen. Kinder aus armen Familien stehen oft als erste in der Familie morgens auf und viele haben noch nie gesehen, wie jemand zur Arbeit geht.

Wie hat die Schulgemeinde deiner Schule die neue Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien erlebt? Ist die Belastung gestiegen? Gab es Spannungen?
Wir hatten drei Monate lang eine Schulersatzmaßnahme in unserem Gebäude eingerichtet. Ich hatte um freundliche Unterstützung im Kollegium geworben. Wir waren schon länger Teil der Initiative „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Für die Alteingesessenen waren die Kinder nur „die Bulgaren“, später dann „die Rumänen“. Gelegentlich haben sie in der Pause miteinander gekickert.

Wie verhalten sich die zugewanderten Kinder und ihre Eltern? Hat sich das oft negative Bild der Öffentlichkeit und häufig auch der Medien bestätigt
Nein, absolut nicht. Eltern und Kinder waren hoch motiviert und sehr interessiert an der Schule. Sie waren deutlich anders als in den Medien beschrieben, das habe ich auch überall erzählt. Zu unseren ersten Treffen kamen die Eltern mit ihren Kindern zu 100 Prozent.

Sind unsere Schulen für diese Aufgaben der Integration gerüstet? Was fehlt?
Es fehlt all das, was der Gesellschaft im Allgemeinen oft fehlt: Offenheit, differenzierte Wahrnehmung, Willkommenskultur. Andererseits bietet die Inklusionsdebatte auch hier eine Chance: Kinder, die in Armut leben, müssen selbstverständlich einbezogen werden. Mehr Lehrmittel und mehr Räume sind dringend nötig. Der Ganztagsbetrieb und eine interkulturelle Schulsozialarbeit sind ebenso notwendig wie die entlastete Fortbildung der Lehrer*innen und die Berücksichtigung des Themas in der Lehrerausbildung.

Die Fragen stellte Bert Butzke. // In nds 6/7-2014