Equal Pay Day 2015

Geteilte Verantwortung, gleiche Bezahlung

Mehr als 100 Jahre nach dem ersten internationalen Frauentag und im dritten Jahrtausend ist die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts nach wie vor präsent: Im Berufsleben, in der Bezahlung und bei der Rente ist die Schere zwischen Frauen und Männern lange nicht geschlossen. Nicht nur am 8. März, dem Weltfrauentag, oder am 20. März 2015, dem Equal Pay Day, sollte es heißen: „Heute für morgen Zeichen setzen“. Kontinuierlich müssen Politik und Gesellschaft für Geschlechtergerechtigkeit Sorge tragen.
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Das Motto der DGB-Kampagne zum internationalen Frauentag am 8. März setzt auch in 2015 heute für morgen Zeichen. Der Tag steht traditionell für den Kampf der Frauen gegen Benachteiligung wegen ihres Geschlechts. Frauen haben viel erreicht und sind noch lange nicht am Ziel. Das zeigt sich zum Beispiel in den Diskussionen zur Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen, an dem im Rentenreport des DGB NRW nachgewiesenen Rückstand bei der Altersversorgung und dem immer noch in einer Höhe von rund 22 Prozent existierenden Gender Pay Gap in Deutschland.

Frauen übernehmen Verantwortung – im Job und für die Familie
Der Equal Pay Day weist auf die bestehende Ungleichheit bei der Entlohnung von Frauen und Männern hin. Er prangert den unhaltbaren Zustand jedes Jahr aufs Neue an. Es ist der Tag, an dem Männer anfangen müssten zu arbeiten, um das gleiche Bruttogehalt am Ende des Jahres in der Tasche zu haben wie Frauen, die bereits ab 1. Januar arbeiten. Oder: Frauen arbeiten bis zu diesem Tag gratis, wenn beide gleichzeitig anfangen zu arbeiten. In diesem Jahr ist der Equal Pay Day am 20. März und damit einen Tag früher als zuletzt. Fortschritt? Die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern hat unterschiedliche Ursachen. Sie ist bedingt durch eine schlechtere Bezahlung von Berufen, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Sie ist bedingt durch das Fehlen von Frauen in gut bezahlten Berufen und Branchen, durch häufigere und längere familienbedingte Erwerbspausen, durch den hohen Anteil von Frauen in Teilzeit sowie durch die fehlende Präsenz von Frauen in den Führungsetagen. Weiterhin arbeiten etwa doppelt so viele Frauen wie Männer in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis, insbesondere in Minijobs. Durch intransparente Gehaltsverhandlungen gerade in den gehobenen Positionen erreichen Frauen zudem, wenn sie eine Führungsposition innehaben, nicht das gleiche Gehalt wie Männer. Alle genannten Ursachen haben zumindest indirekt damit zu tun, auf welche Rolle Frauen auch heute häufig noch festgelegt werden: Die Verantwortung für Familie, Erziehung, Bildung, Pflege und Hausarbeit liegt in der Regel bei ihnen.

Frauen wollen selbstbestimmt leben – in der Erwerbstätigkeit und in der Rente
Der Gehaltsunterschied hat verheerende Folgen für den Verdienst von Frauen während des Arbeitslebens und insbesondere für deren Altersversorgung. Der Rentenreport des DGB Bezirk NRW von August 2014 weist nach, dass Männer, die 2013 in Nordrhein-Westfalen in Rente gegangen sind, im Schnitt eine doppelt so hohe Rente beziehen wie Frauen. Die meisten Männer bekommen zwischen 950,- und 1.100,- Euro, die überwiegende Zahl der Frauen lediglich zwischen 450,- und 550,- Euro pro Monat und damit deutlich weniger als die Grundsicherung. Die gravierende Differenz verdeutlicht umso mehr, dass die Bekämpfung des Gender Pay Gaps eine dringliche und wichtige Aufgabe ist, wenn Frauen selbstbestimmt von ihrem Gehalt und im Alter von ihrer Rente leben sollen. Dabei ist die Einführung des Mindestlohns ein wichtiger Schritt er darf allerdings nicht der einzige bleiben. Der Gender Pay Gap wird in Deutschland besonders spürbar nach dem 30. Lebensjahr, wenn Frauen verstärkt Erziehungsarbeit leisten. Das bedeutet, dass auch heute Frauen durch die Wahrnehmung von Aufgaben in der Familie beruflich benachteiligt sind und Auszeiten oder Arbeitszeitreduzierung für die Familie ihr Leben lang teuer bezahlen. Zu den familienbedingten Erwerbspausen gehören zunehmend auch diejenigen, die durch Pflege naher Angehöriger verursacht werden. 

Frauen fordern Entgeltgleichheit – ein gesellschaftlicher Konsens ist die Basis
Es wird Zeit, dass Frauen die gleiche Bezahlung wie ihre männlichen Kollegen erhalten. Es wird Zeit, dass ihre Gehälter und ihre Renten Frauen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen und sie vor ungewollter Abhängigkeit schützen. Dazu braucht es ein Rückkehrrecht aus Teil- in Vollzeit, damit ihnen ein Ausweg aus der sogenannten Teilzeitfalle offensteht. Und es braucht einen gesellschaftlichen Konsens zu Arbeitszeiten und dem Rollenverständnis in Familien. Trotz der gestiegenen Anzahl berufstätiger Frauen erledigen sie immer noch parallel den Hauptteil der anfallenden Arbeit zu Hause. Eine 30- beziehungsweise 32-Stunden-Woche, mit der zugleich die Arbeits- und Erziehungszeit gerechter verteilt wird, trägt dazu bei, dass Frauen von ihrem Verdienst leben können und Männer stärker in die Erziehungs- und Hausarbeit eingebunden sind. Es entsteht die Chance für eine geteilte Verantwortung. Familienministerin Manuela Schwesig plant ein Entgeltgleichheitsgesetz dies wäre ein Schritt, den Heide Pfarr, damals Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen In­stituts, schon 2011 vorschlug. Das Gesetz müsse für alle Bereiche von Beschäftigung in der Privatwirtschaft, im öffentlichen Dienst und für die Tarifparteien gelten, forderte sie. Geschäftsführungen und Betriebsräte sowie Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften sind in der Pflicht, auf die Herstellung von Entgeltgleichheit zu achten. Es hat sich bislang gezeigt, dass dies nicht freiwillig passiert, also sind ein Gesetz und damit verbunden bestimmte Verfahren notwendig, damit die Akteure zum Handeln bewegt werden.

Frauen wollen aufsteigen – wacklige Brücken sind keine Lösung
Eine zentrale Rolle spielt die Aufwertung von Berufen, die in der Mehrzahl von Frauen ausgeübt werden. In diesen Branchen wird im Schnitt deutlich weniger bezahlt als in männlich geprägten Branchen. Die Aufwertung von Arbei– zum Beispiel im Bildungs- und Erziehungsbereich kann nur auf zwei Ebenen stattfinden: Auf der einen Seite braucht es eine höhere gesellschaftliche Anerkennung und auf der anderen Seite höhere Gehälter sowie bessere Aufstiegschancen. Für die Berufe im Bildungs- und Erziehungswesen bedeutet das eine Angleichung im Grundschulbereich und im Bereich der Sekundarstufe I. Die Bezahlung der Beschäftigten muss an jene in der Sekundarstufe II an Gesamtschulen und Gymnasien angeglichen werden. Jede Schule muss ihren Beschäftigten Beförderungsmöglichkeiten eröffnen. Für den Sozial- und Erziehungsdienst läuft aktuell eine Tarifrunde, in der die GEW eine deutliche finanzielle Aufwertung der Berufe durch eine verbesserte Eingruppierung fordert und damit mehr Anerkennung. Mit dem Verdienst steigt nun mal auch die gesellschaftliche Anerkennung. Hier hinkt Deutschland anderen Ländern hinterher. Solange gilt: „Kleine Kinder, kleine(re)s Geld“ sind Frauen systemisch benachteiligt. Geringfügig Beschäftigte sind in der überwiegenden Mehrheit Frauen. Die Minijobs insgesamt fast 7.000.000 Beschäftigte sind keine Brücke in eine reguläre Beschäftigung. Sie sind insofern direkt für Altersarmut bei Frauen mitverantwortlich, als durch sie nur ein verschwindend geringer Anspruch auf Rente erworben wird und kein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht. Das Konstrukt der Minijobs trägt zu einer Verfestigung des Gender Pay Gaps bei und damit direkt zu einer Benachteiligung von Frauen im Erwerbsleben.

Frauen sind besser qualifiziert – eine Frauenquote dennoch notwendig
Wenn es um die Besetzung von leitenden Funktionen in Betrieben geht, dann erfahren viele Frauen häufig zum ersten Mal Benachteiligung im Beruf sowie die Konsequenz von Eltern- und Teilzeit. Während sie ganz oder teilweise zu Hause waren, haben ihre männlichen Kollegen Berufserfahrung gesammelt, sich fortgebildet und waren verfügbar. So gleichen Männer in dieser Phase Nachteile aus und ziehen an den häufig besser qualifizierten Frauen vorbei. Daher ist es notwendig, eine Frauenquote einzuführen, die die Beteiligung von Frauen an den entscheidenden Stellen der Unternehmen verbessert. Das ist der richtige Schritt, um Bewegung in den Prozess zu bringen, auch wenn der Gesetzesentwurf zur Frauenquote im Detail noch verändert und praktikabel werden muss. Auch wenn die Fakten bekannt und die Forderungen sinnvoll sind: Leider sind sie weder allgemein anerkannt noch umgesetzt. Ansonsten würde der Equal Pay Day am 1. Januar jeden Jahres und nicht erst am 20. März stattfinden. Wenn es gelingt, den Gender Pay Gap merklich zu reduzieren, dann gelingt es, einen weiteren spürbaren Schritt hin zur Geschlechtergerechtigkeit zu beschreiten. Eine Durchbrechung stereotyper Rollenzuweisungen in Gesellschaft, Familie und Beruf ist möglich und notwendig!

Maike Finnern // In: nds 3-2015