Cybermobbing: Aufklärung leisten, Mut machen

Buchautorin Sylvia Hamacher im Interview

Bis in die Oberstufe wurde Sylvia Hamacher von ihren Mitschüler*innen gemobbt. Ihre Erfahrungen nutzt sie heute, um an Schulen Präventions- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie unterstützt Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte, um Mobbing an Schulen nachhaltig zu stoppen. Die nds sprach mit der 21- jährigen Buchautorin über ihre Arbeit und Tipps für den Schulalltag.
Cybermobbing: Aufklärung leisten, Mut machen

Foto: Sylvia Hamacher

Sie haben gerade Ihr zweites Buch zum Thema Mobbing veröffentlicht und sind häufig als Referentin unterwegs. Welche Ziele verfolgen Ihre Publikationen und Vorträge?Sylvia Hamacher: Ich möchte anderen Betroffenen Mut machen und ihnen zeigen, dass es einen Weg raus aus der Misere gibt und man nicht zwangsläufig am Mobbing zerbrechen muss. Man kann da rauskommen, wenn man sich Hilfe sucht und bereit ist, intensiv an der Stärkung des Selbstwertgefühls zu arbeiten. Natürlich richtet sich meine Arbeit auch an die Täter*innen, die durch meine Introspektion erfahren, welchen Schmerz Betroffene empfinden. Manchmal sind sich die Täter*innen dessen gar nicht bewusst. Ich möchte aber auch die Menschen erreichen, die von sich selbst behaupten, bislang nie etwas mit Mobbing zutun gehabt zu haben. Ich möchte ihnen Möglichkeiten aufzeigen, Mobbing in ihrem Umfeld zu erkennen und zu intervenieren. Mobbing ist ein Gruppenprozess: Täter*innen würden ohne positives Feedback der Gruppe niemals mit ihrem Verhalten durchkommen. Solange die Gruppe das Verhalten der Täter*innen belohnt, werden diese nicht aufhören. Das zeigt deutlich, dass jede und jeder von uns dazu beitragen kann, Mobbing keine Chance zu geben. Ich möchte die Menschen animieren, diese Chance auch zu nutzen.

In Ihrem Buch nennen Sie viele Fallbeispiele. Wie konnten Sie diese erhalten?Ich habe in meinen Vorträgen und auf meiner Homepage im Projekt „Licht ins Dunkel bringen“ andere Betroffene, Außenstehende und Täter*innen dazu aufgerufen, mir ihre persönlichen Erfahrungen mit Mobbing zu schildern. Damit wollte ich deutlich machen, dass Mobbing ein flächendeckendes Problem aller Altersklassen darstellt und ich kein Einzelfall bin. Die Beteiligung war sehr groß und ich habe sogar mehr Geschichten zusammengetragen als ich im Buch abdrucken konnte. Alle Teilnehmer*innen erhoffen sich auch endlich politisch Gehör zu bekommen, damit der Psychoterror an unseren Schulen ein Ende nimmt.

Wie haben Sie in Ihrer Schulzeit das Verhältnis zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen in Bezug auf das Thema Mobbing erlebt?Ich persönlich hatte überwiegend das Gefühl, dass meine Lehrer*innen vollkommen überfordert mit dem Thema Mobbing waren. Das ist verständlich, denn keiner von ihnen hat eine Ausbildung in diesem Bereich absolviert. Das hat dazu geführt, dass ich ganz alleine mit dem Problem dastand und meine LehrerInnen mir aus lauter Hilflosigkeit später sogar selbst die Schuld dafür gaben, dass mich meine Mitschüler*innen psychisch hinrichteten. Als das Mobbing dann nach meinem Schulwechsel in der Oberstufe wieder losging, hatten meine LehrerInnen zwar ein offenes Ohr, waren allerdings dann der Ansicht, dass wir dieses Problem als junge Erwachsene schon selbst bewältigen könnten. Das ist ein Irrtum, denn Mobbing erfordert als gruppendynamischer Prozess immer Intervention durch Außenstehende, die nicht selbst im System stecken und darin positioniert sind.

Inwiefern helfen Ihnen Ihre persönlichen Erfahrungen bei Ihrer Aufklärungsarbeit?Meine persönliche Betroffenheit ermöglicht es mir, mich in Betroffene hineinzuversetzen und ihren Schmerz zu teilen. Betroffene wünschen sich nichts sehnlicher, als verstanden zu werden. Zudem erreicht ein authentischer Vortrag die Schüler*innen auf eine ganz andere Weise, als es ein Lehrvortrag je könnte. Ich spreche die Schüler*innen durch meine Geschichte emotional an. Und zu guter Letzt ist es immer leicht zu sagen „Ihr könnt da rauskommen“, wenn man so etwas selbst nie bewerkstelligen musste. Deshalb haben mein zurückgewonnenes Selbstbewusstsein und meine Lebensenergie einen anderen Stellenwert für die Schüler*innen und das macht ihnen Mut.

Haben Sie konkrete Tipps für Lehrkräfte, um Mobbing zu unterbinden?Ich bin der Ansicht, dass Lehrer*innen in diesem Bereich ausgebildet werden sollten, um Mobbing zu erkennen und richtig eingreifen zu können. Solange dies noch nicht der Fall ist, empfehle ich allen Lehrkräften, sich dennoch mit dem Thema zu befassen, um zu begreifen, was Mobbing mit Betroffenen macht und Hinweise darauf zu erhalten, was man in keinem Fall tun sollte. Wichtig ist, sie niemals bloßzustellen und vor der Klasse als „Opfer“ zu outen. Darüber hinaus sollten Lehrer*innen versuchen, Situationen zu vermeiden, die für Betroffene demütigend sind  das ist zum Beispiel beim Wählen in die Mannschaft im Sportunterricht der Fall. Am allerwichtigsten ist jedoch, Betroffenen zu zeigen, dass man als LehrerIn hinter ihnen steht, ein offenes Ohr hat und die Schuld nicht bei ihnen selbst sucht.

Welche Angebote machen Sie für Schulen?Ich halte Vorträge für SchülerInnen, um sie zu sensibilisieren und ihnen ihre enorme Verantwortung aufzuzeigen. Aber auch, um für mehr Toleranz und Zivilcourage zu werben. Gemeinsam mit meiner Mutter, Brigitte Hamacher, die nach meinem Mobbing ein Studium zur psychologischen Beraterin, zum Businesscoach und Anti-Mobbingcoach abgeschlossen hat, gebe ich auch Workshops als Präventionsmaßnahme oder auch für betroffene Klassen. Natürlich unterstützen wir auch Lehrkräfte mit Vorträgen ebenso wie wir die Aufklärung der Eltern übernehmen. Um das Mobbing an unseren Schulen nachhaltig zu stoppen, müssen alle Instanzen also Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern gemeinsam daran arbeiten und jeweils ihren Teil dazu beitragen.

Die Fragen stellten Klaus D. Lange und Sherin Krüger. // In: nds 1-2014